Stille Nacht? Nein, bei Zeltners kracht's!

December 25, 2015

 

An Weihnachten geht’s an der Carmenstrasse 8a in Zürich einiges weniger friedlich zu und her als sonst im Jahr. Unsere Weihnachtsstimmung hat wenig mit Besinnlichkeit zu tun – es ist oft disharmonisch und laut, wenn wir versuchen gemeinsam Weihnachten zu feiern. Während auf Facebook viele Posts von O-du-fröhliche-Familien kursieren, wage ich es hiermit einen ehrlichen Einblick zu geben, wie das Fest der Liebe bei einer nicht ganz so normalen 5-köpfigen Pastoren-Familie aussieht:

 

24. Dezember 2015

Wir als Familie sind es uns eigentlich gewohnt, dass immer etwas läuft, aber über Weihnachten herrscht Ausnahmezustand. Wir verbringen mehrere Tage zu Hause und kreieren somit die perfekte Umgebung um einander auf den Keks zu gehen. An Weihnachten kommt auch unsere inter-kulturelle Verschiedenheit mehr zum Vorschein als sonst. Da prallen Schweizerische Bräuche und Gewohnheiten auf Rumänische Traditionen und Werte. Beispielsweise haben Oana und ich eine total verschiedene Ansicht, wenn’s ums Geschenke-geben geht. Sie spricht die Liebessprache vom Schenken und lebt ihre grosszügige Art voll aus. Boom – jetzt kracht's zum ersten Mal seit wir den Tannenbaum in der Stube dekoriert haben! Oana's Geschenk-Manie kommt bei mir und «meiner» Kreditkarte überhaupt nicht gut an! Und es kracht zurück – schliesslich kommt ihr meine Geschenk-Phobie gar nicht gut in den Hals und sie weiss dies auch lautstark auszudrücken. Ich möchte doch nur ruhige Weihnachten – am liebsten sogar ohne Geschenke, dann gäbe es nämlich einen Stressfaktor weniger für mich. Oana hingegen lebt in der Adventszeit so richtig auf und scheint nahezu übernatürliche Kräfte zu erlangen um in den Weihnachtsrummel voll einzutauchen. Sie drückt ihre Dankbarkeit und Wertschätzung gegenüber all den vielen wunderbaren Menschen, die Teil unseres aufregenden Lebens sind mit sorgfältig erlesenen Liebeszeichen aus. Das setzt mich natürlich enorm unter Druck. Erst recht nach unserem Zusammenstoss. 

So stehe ich am Abend vom 23. Dezember völlig genervt und überfordert im überfüllten Manor herum und überlege mir, was ich denn meiner lieben Frau unter den Weihnachtsbaum legen könnte. Grundsätzlich lässt ja alles was hier im Erdgeschoss angepriesen wird ihr Herz höher schlagen. Ich aber fühle mich eher von den Preisen er-schlagen und kaufe ihr dann trotzdem aus purer Panik das teuerste Weihnachtsgeschenk meiner Ära als Ehemann. Während ich auf dem Weg nach Hause durch die belebte Bahnhofstrasse schlendere und dabei ein prophetisches Dankgebet für die bevorstehende himmlische Versorgung ausspreche (schliesslich will ich für dieses überrisse Geschenk doch nicht bis in den März hinein bluten), merke ich, wie in mir eine grosse Freude Bahn bricht. Wo Durchbrüche geschehen knallt’s ja normalerweise auch. Ich glaube, mit diesem Geschenk habe ich mir soeben selbst einen riesigen Gefallen getan. Gott sei Dank war dies keine stille Nacht! Gott sei Dank hat es zwischen mir und Oana heute gekracht! Sonst hätten nicht nur im Manor die Kassen etwas weniger geklingelt, sondern es wäre vor allem in meinem Herzen still und öde geblieben. Stattdessen widerhallt nun ein Klang der Freude – es ist mir soeben gelungen, etwas von meiner grossen, aber leider oft verborgenen Liebe für meine Geliebte sichtbar zu machen. Wenn Gott Herzen aufbricht knallt’s – halt auch an Weihnachten! Und so viel kann ich euch bereits verraten – es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass es während den Festtagen 2015 im Hause Zeltner laut krachte…    

 

25. Dezember 2015

Der Weihnachtsbaum brennt, oder besser gesagt die Kerzen, und unsere drei Kinder sind ganz kribblig vor Aufregung. Janis will unbedingt am nächsten zum Baum stehen, damit er auch die Geschenke gut sehen kann. Aber was der Älteste will, wollen die zwei Jüngeren natürlich auch. Es wird geschubst, gezogen und schon gibt’s als Vorspiel zur Bescherung einen schönen Krach. Zuerst ballt Sarah die Faust, weil Janis sie von ihrem Platz verdrängt hat, dann erobert Janis diesen gewaltsam zurück, wodurch Sarah’s lockiges Haar beinahe in Flammen aufgeht, weil sie im Tannenbaum landet. Das Klimpern der Christbaumkugeln wird von Oana’s kreischendem Aufschrei übertönt. Die Mutter des Hauses gerät völlig aus dem Häuschen und macht dem ältesten Goof lautstark klar, dass die Feuerwehr zwar auch rot angezogen ist, aber eigentlich hätten wir lieber den roten gekleideten Weihnachtsmann, der uns besuchen kommt. Zum ersten mal seit die Kerzen brennen haben wir die 90 Dezibel Marke überschritten und sind definitiv im roten Bereich, ohne dass wir überhaupt ein Lied angestimmt haben. Apropos stimmen – ich versuche bei dem Krach Janis’ Kindergitarre zu stimmen und überlege mir in welcher Tonart die schreienden Kinder wohl am besten «O du fröhliche» singen können. Ich entscheide mich für eine hohe Tonlage, um das chaotische Vorspiel mit fröhlichen Klängen zu übertönen. Das funktioniert sogar bestens (solche Sachen lehre ich ja schliesslich auch in der Worship Academy), die Stimmung ändert sich schlagartig und schon tanzen die Kinder zum mitreissenden Rhythmus. Bei meinen Eltern zu Hause wurde Weihnachten besinnlich gefeiert und meine Mutter legte stets Wert darauf, dass beim Liedersingen auch Jesus angebetet wurde. Krampfhaft versuche ich in meiner Rolle als Worship-Leiter nun meine Familie in das reiche Familienerbe einzuweihen. Doch die Augen der Kinder sind auf die Geschenke gerichtet und nicht den Herrn. Und so brechen wir die Übung ab. Die Kerzen sind gut erst 1cm abgebrannt, schon löscht Oana die Dochte wieder und schaltet die Zimmerbeleuchtung an. Schliesslich kann man bei schimmerndem Kerzenlicht schlecht Videoaufnahmen mit dem iPhone machen, um dann der ganzen Welt auf Facebook mitzuteilen, wie glücklich unsere Kinder am Weihnachtsabend sind. Die besinnliche Stimmung ist am Arsch. Da schreite ich in meiner Rolle als geistliches Familienoberhaupt mit erhobener Stimme ein (ungefähr 85 Dezibel – also gerade noch im grünen Bereich). Ich schaffe es wenigsten, dass Janis und Sarah beide ein 5-Sekunden Gebet sprechen. Sie danken Jesus dafür, dass er auf die Welt gekommen ist und wir nun einander beschenken können – dann ergreifen sie hastig die beiden grössten Pakete. 

 

Zum ersten Mal seit die Christbaumkerzen erloschen sind, überschreiten wir erneut die 90 Dezibel Marke – diesmal jedoch wegen der kindlichen Freudenrufe – jetzt haben wir endlich frohe Weihnachten! Während der nächsten Stunde ist die Weihnachtsluft in unserer Wohnung vor allem mit dem Dinosaurier-Gebrüll von Janis’ neuem Spielzeug erfüllt, was mich by the way an die Weihnachtsgeschichte erinnert – da waren ja auch Tiere an der Krippe Jesu. Ich überlege mir krampfhaft wie ich meinen Kindern anhand der herumliegenden Requisiten die Weihnachtsgeschichte erzählen könnte – das macht man doch an Weihnachten in einer Pastoren-Familie. Aber soweit kommt es gar nicht. Die Tischbombe, welche wir eigentlich für Silvester gekauft haben, MUSS JETZT gezündet werden (ansonsten würden halt einfach die Nerven der Eltern platzen). Also knallt es einmal mehr bei unserer Weihnachtsfeier und ich frage mich, wieso eigentlich niemand Oropax am Weihnachtsmark verkauft. Jedenfalls haben wir zum dritten Mal an diesem Abend die 90 Dezibel Limite definitiv überschritten. Kurz darauf kracht es dann schon wieder – weder Oana noch ich hätten damit gerechnet, dass es zu einem Tischbomben-Afterschock kommen könnte. Boom – Lucas, unser Jüngste, nimmt Janis das Tischbomben-Spielzeug weg. Es wird gegenseitig an den blonden Haaren gezogen während ich mit einem Auge die Worte «ab 12 Jahre» auf der Tischbomben-Verpackung lese. Schöne Bescherung – jetzt ist man noch selber Schuld, dass das Spielzeug mehr Krach verursacht als eigentlich angenommen. Da nun «genug Heu unten ist», schicken wir die Kids genervt ins Bett (meine Stimme schwankt zwischen 85 und 91 Dezibel Lautstärke). 

 

Erschöpft lege ich mich selbst hin und zweifle daran, ob ich ein guter Vater bin. Der Abend war eine Chilbi und sicherlich nicht das, was ich unter Jesus-zentrierte Weihnachten verstehe. Wenigstens hatte ich heute Nachmittag mit Janis, diesem Bengel, ein rund 20-minütiges Gespräch im Chor des Fraumünsters. Seine Faszination für Kirchen veranlasste uns dazu, dass wir das Grossmünster, das Fraumünster und die Predigerkirche besuchten. Er wollte unbedingt wissen, ob in diesen traditionellen Kirchen Menschen ein und aus gingen, die an Gott glauben – und falls nicht, dann wolle er das mal ändern. Pfarrer wolle er nämlich werden und dafür schauen, dass die Kirchen wieder voll werden. Während ich ganz gerührt die Chagall-Kirchenfenster bestaune, habe ich den Verdacht, dass dieser kleine Unruhestifter mal in dieser Stadt noch eine Reformation anzetteln könnte – dann wird’s hier richtig krachen! Am Nachmittag des 25. Dezembers war ich noch ganz begeistert von der Vorstellung, dass der Heilige Geist meinem 6-jährigen Jungen einen solchen Traum gegeben hat. Ich hätte einfach nicht damit gerechnet, dass dieser Junge am selben Abend bereits seine Berufung als Unruhestifter auslebt. Tja, Weihnachten ist voller Überraschungen! 

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